Wirtschaftsweitblick

Fachbeiträge zu Personal, Führung und Branchenlage im Mittelstand

Fachkräftemangel in Deutschland: Ausmaß, Ursachen und Maßnahmen für Betriebe

Zusammengerollte Tageszeitung mit der Schlagzeile Fachkräfte gesucht

Der Fachkräftemangel ist für mittelständische Betriebe keine Prognose mehr, sondern eine Position in der Kalkulation. Wer eine Stelle über Monate nicht besetzt, verschiebt Aufträge, zahlt Überstunden und verliert Kunden an Wettbewerber mit vollständiger Mannschaft. Dieser Beitrag ordnet ein, wie groß die Lücke tatsächlich ist, woher sie kommt und welche Maßnahmen in einem Betrieb unter 250 Beschäftigten überhaupt etwas bewegen.

Inhalt dieses Beitrags
  1. Wie groß ist der Fachkräftemangel in Deutschland aktuell?
  2. Was unterscheidet Fachkräftemangel von Arbeitskräftemangel?
  3. Welche Ursachen hat der Fachkräftemangel in Deutschland?
  4. Welche Folgen hat der Fachkräftemangel für Betriebe?
  5. In welchen Berufen fehlen Fachkräfte am stärksten?
  6. Wie entwickelt sich der Fachkräftemangel bis 2036?
  7. Welche Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel wirken im Betrieb?
  8. Wann lohnt sich für einen Betrieb der Umbau der Personalgewinnung?

Wie groß ist der Fachkräftemangel in Deutschland aktuell?

Befund: Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft fehlten 2025 rund 370.000 qualifizierte Beschäftigte.

Die Fachkräftelücke beschreibt den Teil der offenen Stellen, für den rechnerisch keine passend qualifizierte arbeitslose Person zur Verfügung steht. Für 2025 beziffert das Institut der deutschen Wirtschaft diese Lücke auf etwa 370.000 Personen. Die Bundesagentur für Arbeit zählte zum selben Zeitpunkt 157 Berufsgruppen mit nachgewiesenen Engpässen.

Diese Zahlen schwanken je nach Erhebungsmethode erheblich, weil nicht jede Statistik dasselbe misst. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommt für den Zeitraum 2024 bis 2028 auf etwa 440.000 fehlende Arbeitskräfte jährlich. Die Spanne ist groß. Wer mit einer dieser Zahlen argumentiert, sollte wissen, welche Definition dahintersteht, weil sich Fachkräftelücke und Arbeitskräftelücke deutlich unterscheiden.

Was unterscheidet Fachkräftemangel von Arbeitskräftemangel?

Befund: Fachkräftemangel betrifft Qualifikationen, Arbeitskräftemangel betrifft Köpfe. Betriebe spüren beides unterschiedlich.

Von Fachkräftemangel spricht die Arbeitsmarktforschung, wenn für einen bestimmten Beruf keine ausreichend qualifizierten Bewerber verfügbar sind. Arbeitskräftemangel meint dagegen, dass generell zu wenige Erwerbspersonen am Markt sind, unabhängig von der Qualifikation. Der zweite Begriff beschreibt das größere Problem.

Für die Personalplanung macht diese Unterscheidung einen praktischen Unterschied. Fehlt eine Qualifikation, lässt sich der Engpass über Weiterbildung, Umschulung oder Anerkennung ausländischer Abschlüsse auflösen. Fehlen Köpfe, hilft keine Qualifizierung, sondern nur Zuwanderung, Automatisierung oder der Verzicht auf Aufträge. Welche der beiden Lagen ein Betrieb vor sich hat, zeigt sich an den Ursachen.

Welche Ursachen hat der Fachkräftemangel in Deutschland?

Befund: Bis 2030 erreichen nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts rund 20 Millionen Beschäftigte das Rentenalter.

Der Mangel entsteht aus dem Zusammentreffen mehrerer Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken. Keine davon ist neu, und keine lässt sich kurzfristig drehen. Die Ursachen liegen in der Altersstruktur, in der Ausbildungsleistung und in der regionalen Verteilung der Erwerbspersonen.

Wie stark wirkt der demografische Wandel auf den Arbeitsmarkt?

Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre verlassen den Arbeitsmarkt, nachrückende Jahrgänge sind deutlich kleiner. Das Statistische Bundesamt rechnet damit, dass bis 2030 etwa 20 Millionen Beschäftigte das Rentenalter erreichen. Nachbesetzen lässt sich das rechnerisch nicht. Die Geburtenraten liegen seit den 1970er Jahren unter dem Niveau, das die Erwerbsbevölkerung konstant halten würde.

Warum reicht die Ausbildungsleistung der Betriebe nicht mehr aus?

Die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge sinkt seit Jahren, während gleichzeitig mehr Jugendliche ein Studium aufnehmen. Betriebe, die ihren Bedarf traditionell über die eigene Ausbildung gedeckt haben, finden heute nicht genug Bewerber für ihre Ausbildungsplätze. Der Engpass verschiebt sich damit um Jahre nach vorn. Wer heute keinen Auszubildenden einstellt, hat in drei Jahren keine Fachkraft.

Welche Rolle spielt die regionale Verteilung der Fachkräfte?

Engpässe verteilen sich ungleich über die Bundesländer und innerhalb der Bundesländer zwischen Stadt und Land. Ein Betrieb im ländlichen Raum konkurriert nicht nur mit dem Wettbewerber im Nachbarort, sondern mit Arbeitgebern in der nächsten Großstadt.

Diese Arbeitgeber zahlen höhere Gehälter und bieten die bessere Anbindung. Die Mobilitätsbereitschaft der Bewerber hat die Lücke nicht geschlossen. Für ländliche Betriebe sind die Folgen deshalb deutlich früher spürbar.

Welche Folgen hat der Fachkräftemangel für Betriebe?

Befund: Laut DIHK-Fachkräftereport konnten 36 Prozent der befragten Unternehmen 2025 offene Stellen nicht besetzen.

Unbesetzte Stellen kosten einen Betrieb auf drei Wegen gleichzeitig: durch abgelehnte Aufträge, durch Mehrarbeit der verbleibenden Mannschaft und durch die Fluktuation, die aus dieser Mehrarbeit entsteht. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag ermittelte für 2025 einen Anteil von 36 Prozent der Unternehmen mit Besetzungsproblemen, 2022 lag der Wert noch bei 50 Prozent.

Der Rückgang täuscht, weil er vor allem die schwächere Konjunktur abbildet und nicht eine Entspannung am Arbeitsmarkt. Dieselbe Erhebung weist aus, dass 83 Prozent der Unternehmen künftig mit Problemen bei der Stellenbesetzung rechnen. Die Erwartung bleibt also hoch. Besonders deutlich wird der Druck dort, wo einzelne Berufsgruppen seit Jahren als Engpassberufe geführt werden.

In welchen Berufen fehlen Fachkräfte am stärksten?

Befund: In der Systemgastronomie liegt der Ausländeranteil laut Bundesagentur für Arbeit bei 61 Prozent.

Die Bundesagentur für Arbeit führt eine Engpassanalyse, die Berufsgruppen anhand von Vakanzzeit, Arbeitslosen-Stellen-Relation und Gehaltsentwicklung einstuft. Ende 2025 erfüllten 157 Berufsgruppen die Kriterien. Betroffen sind vor allem Gesundheits- und Pflegeberufe, Bauberufe, Elektroberufe, Kraftfahrer und IT-Fachkräfte.

Wie stark einzelne Branchen bereits von Zuwanderung getragen werden, zeigt der Ausländeranteil in diesen Berufen. In der Systemgastronomie liegt er bei 61 Prozent, in der Fleischverarbeitung bei 57 Prozent. Über alle Engpassberufe hinweg stieg der Anteil von 7,6 Prozent im Jahr 2015 auf 14,6 Prozent Mitte 2026. In der Pflege kamen zwischen Mitte 2024 und Mitte 2025 rund 46.000 ausländische Beschäftigte hinzu, während die Zahl der deutschen Beschäftigten um etwa 5.000 zurückging. Diese Verschiebung wird sich fortsetzen, wenn die Prognosen zutreffen.

Wie entwickelt sich der Fachkräftemangel bis 2036?

Befund: Das Institut der deutschen Wirtschaft erwartet für 2029 eine Fachkräftelücke von bis zu 723.000 Personen.

Alle vorliegenden Projektionen zeigen in dieselbe Richtung, sie unterscheiden sich nur im Tempo. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet für 2029 mit einer Lücke von bis zu 723.000 Fachkräften. Längerfristige Rechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommen auf etwa 500.000 jährlich fehlende Arbeitskräfte bis 2036.

Um diese Lücke rechnerisch über Zuwanderung zu schließen, wäre nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung bis 2040 eine jährliche Nettozuwanderung zwischen 288.000 und 368.000 Personen nötig. Das ist eine politische Größe, keine betriebliche. Für den einzelnen Betrieb folgt daraus eine nüchterne Konsequenz: Die Konkurrenz um qualifizierte Bewerber nimmt zu, und zwar unabhängig davon, wie gut die eigene Auftragslage ist.

Welche Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel wirken im Betrieb?

Befund: Laut DIHK sehen 55 Prozent der Unternehmen ausländische Fachkräfte als Teil der Lösung.

Politische Maßnahmen wie das Fachkräfteeinwanderungsgesetz oder der Ausbau der Kinderbetreuung wirken langfristig und sind vom einzelnen Betrieb nicht steuerbar. Betrieblich steuerbar sind drei Hebel: die Sichtbarkeit der eigenen Stellenangebote, die Erschließung bisher übergangener Bewerbergruppen und die Bindung der vorhandenen Mannschaft.

Wie senkt eine bessere Sichtbarkeit der Stellenanzeige die Vakanzzeit?

Viele Betriebe verlieren Bewerber nicht im Auswahlverfahren, sondern davor, weil ihre Stellenanzeige nicht gefunden wird. Eine strukturierte Anzeige mit JobPosting-Markup erscheint in den Jobergebnissen der Suchmaschinen und erreicht damit auch Menschen, die nicht aktiv auf Jobbörsen suchen.

Wie das technisch umgesetzt wird, beschreibt der Beitrag zur Ausspielung von Stellenanzeigen in den Jobergebnissen von Google. Die zweite Reichweitenquelle sind soziale Netzwerke. Dort lassen sich über Personalgewinnung in sozialen Netzwerken auch Kandidaten erreichen, die gar nicht auf Stellensuche sind.

Was bringt die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse?

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz hat die Hürden für die Beschäftigung von Fachkräften aus Drittstaaten gesenkt, der begrenzende Faktor bleibt aber das Anerkennungsverfahren.

Betriebe, die diesen Weg gehen, planen realistischerweise mehrere Monate für Visum, Anerkennung und Sprachförderung ein. Der Aufwand lohnt sich erst ab einer gewissen Zahl von Stellen. Für einen Betrieb mit einer einzelnen offenen Stelle ist er selten der schnellste.

Welche ungenutzten Potenziale lassen sich im eigenen Betrieb heben?

Die am schnellsten verfügbare Gruppe sitzt meist bereits im Haus: Teilzeitkräfte, die aufstocken würden, wenn die Betreuung passt, ältere Beschäftigte kurz vor der Rente, die unter anderen Bedingungen länger blieben, und angelernte Kräfte ohne formalen Abschluss.

Wie daraus ein System wird, behandelt der Beitrag zur systematischen Entwicklung vorhandener Mitarbeiter. Kurzfristige Engpässe lassen sich zusätzlich über die im Beitrag zu kurzfristigen Personalengpässen beschriebenen Wege abfedern.

Wann lohnt sich für einen Betrieb der Umbau der Personalgewinnung?

Befund: Der Umbau rechnet sich, sobald eine unbesetzte Stelle länger offen ist als ein Besetzungsprojekt dauert.

Die betriebswirtschaftliche Schwelle ist leichter zu bestimmen, als sie wirkt. Sobald eine Stelle länger unbesetzt bleibt als der Aufbau eines eigenen Bewerberzugangs dauern würde, arbeitet der Betrieb gegen sich selbst. Entgangene Deckungsbeiträge aus abgelehnten Aufträgen übersteigen die Kosten eines Besetzungsprojekts meist innerhalb weniger Monate.

Der Umbau beginnt mit zwei Kennzahlen, die sich ohne Software erheben lassen: wie lange eine Stelle im Durchschnitt offen steht und über welchen Kanal die zuletzt eingestellten Mitarbeiter gekommen sind. Betriebe, die diese beiden Werte nicht kennen, steuern ihre Personalgewinnung im Blindflug. Wer sie kennt, sieht innerhalb eines Quartals, welcher Kanal trägt und welcher nur Aufwand erzeugt.